Der Streit um die Wehrmacht in München und Bremen hält an.
Aber wie konnte es ei¬nem besiegten Deutschland gelingen, nach 1919 in nur zwei Jahrzehnten ein bedrohliches neues Gro¬ßes Heer aufzustellen, das sogar noch das kaiserli¬che übertraf? Zeithistoriker haben nachgewiesen, daß diese Wiederaufrüstung insgeheim lange vor der „Machtergreifung" Hitlers begann. Ein Schlüsseldokument jedoch, das die zielgerichtete Planung eines Revanchekrieges seit Mitte der zwanziger Jahre klar beweist, wurde nicht be¬kannt. Der Hamburger Privatforscher Carl Dirks (siehe Kasten) hat es gefunden: einen schlichten Leitz-Ordner, der es in sich hat.
Das Dokument, von dem es nur ein Exemplar gibt - vier Haupthefte mit ein paar hundert Seiten Datenmaterial -, lag nach 1945 viele Jahre unbe¬achtet im Pentagon. Hätte die Anklage im Nürn¬berger Hauptkriegsverbrecherprozeß es gekannt, wäre wohl der deutsche Generalstab nicht freige¬sprochen. sondern wegen Verschwörung gegen den Frieden verurteilt worden.
„Diese Arbeit war damals das Geheimste vom Geheimen", steht in einem Handschreiben, das Generalleutnant a. D. Walter Behschnitt 1960 im Bundesarchiv zurückließ, nachdem er dort die in¬zwischen aus Amerika zurückgekehrte Akte wie¬dergefunden hatte (siehe Bild nächste Seite). Fünfunddreißig Jahre zuvor hatte er als junger Hauptmann in der Organisationsabteilung des Truppenamtes (T 2) der Reichswehr gemeinsam mit einigen anderen Bearbeitern das brisante Werk zusammengestellt.
Auf der Rückseite des Ordners steht lapidar:
„Stärke- und Ausrüstgs.-Nachweisg. WH 808". Der Titel der gedruckten Unterlagen könnte sach¬licher nicht sein: „Übersicht der Gesamtstärken und -Ausrüstung der Kommandobehörden und Truppeneinheiten des Feldheeres". General Hans von Seeckt, der Chef der Heeresleitung und Schöpfer der legendären 100 000-Mann-Berufsar-mee (siehe Kasten Seite 17), hatte dem Truppen¬amt - unter diesem Tarnnamen lebte der von den Siegermächten verbotene Große Generalstab wei¬ter - die Planungsaufgabe gestellt, ein Kriegsheer von 102 Divisionen, davon 39 Grenzschutzver¬bände und 63 Felddivisionen, mit 2,8 bis 3 Millio¬nen Mann aufzustellen. Dieses Droh- und Bluff¬instrument sollte den Deutschen dazu verhelfen, die „Schmach" des „Versailler Diktats" friedlich
oder gewaltsam auszulöschen, die verlorenen Provinzen in Ost, Nord und West zu „befreien" und die Großmachtstellung von 1914 wiedereinzunehmen.
Das Verblüffende an dieser Geheimstudie: Am I.September 1939, als der Zweite Weltkrieg beginnt, steht das deutsche Heer tatsächlich mit 102 Divisionen bereit! Es sind, wie 1925 geplant, 2,8 Millionen Mann. Die Reichswehr hatte 42 Generäle; für das Große Heer waren 252 vorgesehen - genauso viele Etatstellen für Generäle wies auch das Feldheer 1939 auf. Acht Armeen hatte man 1925 projektiert (soviel wie 1914 zu Kaisers Zeiten), und 1939 sind die Deutschen stolz auf ihre acht vollwertigen Armeen!